Was für ein miserabler Winter das doch ist.

Weshalb ich den Winter so liebe? Wachgeküsst vom zahnarztbohrerhaften Zahnfleischvibrationsgeräusch der neuen Supersäge einen Stock unter mir erhebe ich mein müdes Haupt und blicke Richtung Fenster. Es ist noch dunkel. Wer kommt auf die Idee, diese Ausgeburt einer Schreinerei in einem Wohnhaus zu betreiben? Und sowieso. Verblödete Schiefe der Ekliptik. Beim zweiten beherzten Schritt Richtung Bad bleibt der kleine Zeh entschlossen an einer Ecke des Bettgestells hängen, während sich der Rest des Beines eigentlich weiterbewegen will. Was für ein miserables Körperteil so ein kleiner Zeh doch ist, er hat ein eigenes Schmerzzentrum, dessen bin ich mir sicher.

Aus dem Spiegel schaut mir ein gerötetes Sehorgan entgegen. Eine willkommene Abwechslung zum stechenden Stirnhöhlenentzündungsschmerz des Vorabends. Verblödete eiskalte Zugluft. Andere Länder haben den Schirokko, den Mistral, hoch über uns weht der majestätische Jetstream. Wir haben die Bise. Was für ein armseliger Name für einen unnützen Wind. Man könnte ja zum Schutz vor der Kälte eine Mütze tragen. Was für eine miserable Erfindung. Mützenfrisuren sind noch schlimmer als Helmfrisuren.

Den Weg zum Auto begehe ich vorsichtig, unter dem Neuschnee lauert eine zentimeterdicke Eisschicht. Miserabler eingeschränkter Winterdienst, die Strasse wird nie ganz geräumt, und wenn es mal auf die gepresste Schneeschicht regnet bildet sich eine erstklassige Natureisbahn. Um mein Auto von Schnee und Eis zu befreien, brauche ich den Eiskratzer. Der ist im Auto. Damit kein Schnee auf die hellen Sitze fällt und dort unansehnliche Wasserflecke bildet muss ich den Schnee um die Türe herum entfernen. Die Handschuhe sind auch im Auto. Verblödetes helles Interieur. Wieso ist es eigentlich hier immer noch 3 Grad kälter als in der Stadt? Und überhaupt, wer ist Schuld, dass die Eisschicht an der Frontscheibe – welche aus naheliegenden Gründen die einzig wichtige Scheibe beim Autofahren ist – immer am dicksten ausfällt? Es gibt auch keine guten Eiskratzer. Was für ein miserables Gerät.

Beim Einsteigen taucht der Vermieter auf und fragt, ob ich überhaupt rauskomme. Ich muss rückwärts rausfahren und der Parkplatz ist seitlich Richtung Auto meines Nachbarn abschüssig. Auch steigt das Terrain in Richtung meiner beabsichtigten Fahrtrichtung leicht an. Kein Problem sage ich, gebe leicht Gas und bleibe dann prompt auf dem spiegelglatten Eis zu früh stehen, um vorwärts um den anderen Wagen herumzufahren. Beim Versuch rückwärts wieder anzufahren rutsche ich seitlich Richtung Nachbarskarosse. Der Vermieter wirft Salz an meinen Kotflügel. Welchem heidnischen Brauch aus dem dunklen Mittelalter huldigt er da? Soll mir das Glück und Fruchtbarkeit bescheren? Und wofür bezahle ich diese miserable Winterbereifung, wenn ich nicht einmal aus dem Parkplatz rauskomme?

Endlich unterwegs schalte ich den Ipod ein. Die Musik kommt knackend und rauschend und nur von rechts. Ich habe beim Einsteigen das bei minus 15 nicht mehr so flexible Kabel touchiert und es ist  buchstäblich zerbröselt. Verblödetes Migroskabel. Zum Glück gibt es ja auch noch den CD-Player. Dieser springt aber alle zehn Sekunden, wenn das Auto noch kalt ist. Was für eine miserable Idee, ein schlagempfindliches Gerät im Auto einzubauen. Die Sitzheizung funktioniert nur auf einer Seite. Es ist die Beifahrerseite. Dann bleibt wenigstens der sich auf diesem Sitz immer ansammelnde Haufen unnützen Krempels warm.

Auf der Autobahn geht die Öllampe an. Ich will keinen verblödeten Kolbenfresser, habe aber auch nur 2 leere Flaschen Motoröl im Kofferraum. Hat der Mechaniker beim letzten Service nicht genug Öl eingefüllt? Ich mag keine Mechaniker, ich vertraue ihnen nicht. Noch armseliger sind Autoverkäufer. Verkaufen einem VW-Technik, wo ein anderer Name draufsteht. Miserables Auto, tut nur so wie ein VW, ist aber aus Tschechien. Tschechenpassat. Auf der feuchten Autobahn liegt Salz. Dieses wird von meiner Windschutzscheibe anscheinend magnetisch angezogen. Ein flotter Zug am zuständigen Hebel erzeugt nur ein klägliches Geräusch aus dem Motorraum. Dieses kündigt an, dass das Scheibenwischwasser leer ist. Die Strasse ist gerade feucht genug, damit das Salz auf meine Scheibe gelangt und klebenbleibt. Der Scheibenwischer macht alles noch schlimmer. Miserables Milchglas.

Bei der Arbeit angekommen erfreut mein Auge der Anblick des gefrorenen, mehrere Monate alten Schneewalles, welcher einen Drittel meines Parkplatzes besetzt. Die Frontschürze knirscht beim Einparken. Ist dafür niemand zuständig? Verblödete Sparmassnahmen. Beim Aussteigen gleite ich auf dem unsichtbaren Eisfilm aus und falle mit geriatrischer Anmut halb unter mein Auto. Das gibt heftigen Abzug bei der Stilnote. Hüften haben auch ein eigenes Schmerzzentrum. Wenigstens sieht mich niemand, die Parkplätze sind hier in der hintersten Ecke. Man kann hier froh sein, überhaupt einen Parkplatz zu haben. Was für eine miserable Förderungsstrategie des öffentlichen Verkehrs. Dafür muss ich dann hinkend über ganze Gelände gehen.

Was für ein miserabler Winter das doch ist.

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3 Antworten auf Was für ein miserabler Winter das doch ist.

  1. Erich sagt:

    Der mehrere Monate alte Schneewall, welcher einen Drittel meines Parkplatzes besetzt, kommt mir irgendwie bekannt vor…. ist dies nicht etwa mein jahrelanger “Geheimparkplatz”?

    Sackstark geschrieben, Dani. Wirklich sackstark!

    Erich

  2. lhohl sagt:

    Sei froh, dass deine Sitzheizung nicht funktioniert ;-)
    http://tinyurl.com/dlzdrg

  3. Daniel sagt:

    Fragen, die die Menschheit beschäftigen, Folge 298: Ist die gemessene Differenz der linksseitigen Testikeltemperatur gegenüber dem rechtsseitigen Messwert von zeugungsfähigkeitsbeinflussender Relevanz? Ist der Effekt reversibel? Hilft das werfen von Salz, und muss dieses an die stärker beheizte Seite geworfen werden? Trägt Scrotal Warming zum Global Warming bei und muss deshalb schnellstens verboten werden?

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