alte frau

das folgende erlebnis hat sich zugetragen, als ich kürzlich wieder einmal in zürich beruflich zugange war. auf dem rückweg zum bahnhof setzte sich im tram eine dame – vom jahrgang her eher ein vorkriegsmodell – auf den freien platz neben mich. in eine interessante wochenzeitschrift vertieft, stellte ich fest, dass das nuscheln neben meiner rechten schulter wohl mir galt. ich wandte mich von der zeitschrift ab und ihr zu, worauf sie das eben gesagte wiederholte. sie fragte mich nach einem almosen, welcher ihr den besuch eines cafés ermöglichen sollte. und aus zwei gründen, nämlich daher, dass arme alte leute mein mitleid erregen, und dass ich vollstes verständnis habe für den bedarf auf koffeeinzufuhr, zückte ich meine brieftasche und gab ihr ein paar fränkli. entgegen meinen gewohnheiten, denn das leben im städtischen umfeld muss einen heutzutage ja schon misstrauisch werden lassen, wenn jemand nach geld fragt. zum beispiel für die notschlafstelle. oder ein bahnbillet. oder etwas zu essen (dafür gibt es ja jetzt schon den schokoriegel für den drogensüchtigen, ein produkt mit dem namen chunky, welch ein genius in sachen namensgebung muss da dahinterstecken!).
nein, normalerweise gebe ich kein bargeld, ich bezahle ja schon steuern und andere abgaben, allerlei leuten die drogen im abgabeprogramm zu finanzieren. aber beim anblick dieses gesichtes, in das die zeit tiefe spuren ziseliert hatte, machte ich eine ausnahme.
mit dem guten gefühl, einer armen alten person etwas gutes getan zu haben, stieg ich beim hauptbahnhof aus, ging beschwingten schrittes über die strasse und betrat das bahnhofsgebäude, welches mein zug nach bern gerade verliess. irgendwie passiert mir das in zürich immer, wahrscheinlich wird der fahrplan genau auf mich zugeschnitten.
was tut man im bahnhof, wenn man nichts gescheiteres zu tun hat? man geht in einen kiosk und beschäftigt sich mit der aktualitätenauslegeware. das tat ich dann auch. zum zwecke des bezahlens stellte ich mich dann mit einer zeitschrift an die kasse. vor mir stand eine alte frau, welche sich meiner meinung nach eigentlich in einem café hätte aufhalten müssen. an diesem umstand hätte ich mich ja noch kaum gestört, aber was sich danach zutrug, festigte mein misstrauen gegenüber leuten, die einen um geld angehen wieder einmal ungemein. die alte frau kaufte sich nämlich mit meinem und dem von anderen gutmütigen naivlingen erhaltenen geld einen ganzen haufen irgendwelcher blödsinniger lose. das ist natürlich ihr gutes recht, wird der eine oder andere jetzt denken, und das ist – objektiv gesehen – auch richtig. ich bin aber immer öfter lieber subjektiv und hätte nicht übel lust gehabt, dieser person einmal richtig die meinung zu sagen.
gute frau, schämen sie sich! was für eine mediokre vorstellung! in ihrem alter sollten sie ein leuchtendes vorbild sein! sie sollten sinnvollere verwendung für ihre üppige freizeit haben! es gibt so viele besinnliche, kreative tätigkeiten! backen sie lecker salzteig-gebäck! schaffen sie das auge erfreuende makramee-lampenüberzieher! toben sie sich bei der kreation frecher batik-hemden aus! treiben sie die kunst des kerzenziehens zur spitze! häkeln sie praktische umhüllungen für klorollen! oder basteln sie hüte aus altem brot!
aber nein, mit ihnen ist es soweit gekommen, dass sie leute anbetteln, ihnen ihre verwerfliche spielsucht zu finanzieren! pfui! da wird einem ganz blümerant zu mute.

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