Es weihnachtet sehr

Es ist doch alljährlich wieder dieselbe Freude. Mir scheint, beinahe Vorgestern noch gemütliche Abende auf dem Balkon mit Freunden, kaltem Getränk und haufenweise Grillgut verbracht zu haben und schon ist es wieder um fünf Uhr dunkel. Der kalte Wind pfeift einem um die Ohren bis die Nase läuft und man sich unweigerlich fragen muss wo der ganze Schleim eigentlich noch herkommt und wenn es gerade nicht schifft muss man morgens autoscheibenkratzen, bis einem fast der Arm abfällt und die Fingerchen eine gut gekühlte Blautönung annehmen. Drinnen ist es wohlig warm und die Luft dadurch so trocken, dass sich riesige Öffnungen gleich Gletscherspalten auftun auf den Schleimhäuten, um die Erkältungsmikroorganismen hineinstürzen zu lassen wie unglückliche deutsche Skitouristen, welche sich den Bergführer für die Gletschertour eingespart haben (Geiz ist geil). Sie sehen, der Winter ist genau meine Zeit, ich fühle mich in der Kälte wie ein Fisch in der Luft, sozusagen.

Zum Trost gibt es aber glücklicherweise die Vorweihnachtszeit. Weihnachten steht vor der Tür, und sie (beachten sie hier, Weihnachten ist weiblich) lässt bei den meisten sich dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlenden Menschen Perlen kalten Angstschweisses auf die Stirn treten. Unsicherheit, Verwirrung, ja gar Hilflosigkeit machen sich breit. Bei einigen bemitleidenswerten Exemplaren manifestiert sich offensichtlich sogar handfeste Panik, erkennbar am Blicke eines vom Wahnsinn umzingelten, während sie mit vom starrem Tunnel- auf mit zuckenden Pupillen suchend umherschweifenden «Münsingen links»-Blick* Wandernden im dichten Nebel gleich in den Warenauslagen der Einkaufstempel leicht torkelnd umherirren, immer wieder erst verlockend und dann trotzdem müssig erscheinenden irrlichtgleichen Geschenkideen folgend. Denn: Die Weihnachtsgurgel per se, der Samichlaus nämlich ist der einzige Mann, der immer weiss welches Geschenk einzukaufen ist. Er hat ja im Zweifelsfalle auch immer eine Ausweichmöglichkeit, wo es anstatt der Präsente unter den Baum ein paar mit der Rute vor den Latz gibt. Ansonsten ist nämlich dem Manne das einkaufen allgemein, so auch der Erwerb und das Auffinden von Geschenken im Speziellen ein Graus, während es für die Frau ein Quell nie versiegender Freude ist, durch die Einkaufsläden zu streifen und dabei immer diesen Glanz in den Augen zu haben, sie wissen was ich meine.

Der Weg des schenkenden Mannes aber ist gepflastert von Schlaglöchern, offenen Kanalisationsdeckeln und Landminen, vor allem wenn es darum geht, der Partnerin eine «kleine Freude» zu machen. Ich bin auch nicht gerade der Samichlaus persönlich, deshalb kann ich dem ratsuchenden männlichen Leser hier kein Allheilmittel präsentieren. Aber einige klassische Fehltritte möchte ich an dieser Stelle sicherlich nicht unerwähnt lassen. Geschenke der Kategorie «das möchte ich selber gerne bekommen» sind meist eine sehr mediokre Idee. «Oh, eine Playstation, das wollte ich schon lange mal, dann muss ich nicht mehr diese langweiligen romantischen Herzschmerzschmalzrosamundepilchermachwerke schauen, sondern kann dich beim Spielen anfeuern»-Aussagen sind nie ernst gemeint und bedeuten in vielen Fällen sich am Beziehungshorizont unheilschwanger zusammenballendes Gewölk als Vorbote ernsthafter Zerwürfnisse. Haushaltsgeräte sind praktisch, aber auf oben erwähntem Weg gehören sie mindestens zur Kategorie Landmine. Unterwäsche ist schon mal ein guter Ansatz, welcher aber auch unverhoffte Gefahren birgt, da eine falsche Grössenwahl problemlos «du denkst ich bin zu dick»-Krisen vom Zaun brechen kann.

Noch eines möchte ich dem Leser ans Herz legen: Der erfahrene Geschenkekäufer beginnt früh mit dem minutiös geplanten Einkauf. Und wir sehen uns sicherlich am letztmöglichen Tag, an dem die Geschäfte vor Weihnachten noch geöffnet sind. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten.

Weihnachten

* «Münsingen links» ist ein vor allem im Kanton Bern verwendetes Synonym für Klapsmühle, Irrenhaus, Nervenheilanstalt, Sanatorium, usw.

** Es hat gar keinen zweiten Verweis im Text, aber mir ist gerade aufgefallen, dass ich Klapsmühle unter das Bundeshaus geschrieben habe. Das ist ein Zufall. Wenn auch ein lustiger.

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