Fremdcurler

Ab und an will – so lehrt es uns die Erfahrung – der typische Schweizer Firmenalltag aufgelockert werden durch einen Ausflug mit den Arbeitskollegen. Die Hauptprogrammpunkte dabei sind naheliegenderweise dort zu finden wo sich gemeinhin die Interessen aller Beteiligten treffen, dem Verspeisen von lecker Küchenerzeugnis, begleitet vom Konsum allerlei gemeinhin alkoholhaltigen Getränks. Zumeist stehen aber vorher noch andere Aktivitäten auf der Traktandenliste, durch deren Ausübung das Kennenlernen und Zusammenschweissen der Arbeitsgemeinschaft auf persönlicher Ebene gefördert werden soll. Verständlicherweise ist es bei der Auswahl dieser schon bedeutend schwieriger, einen Konsens der Interessen aller Beteiligter zu finden. Dieser Umstand schliesst viele bei einzelnen beliebte Freizeitaktivitäten zum vorneherein bereits aus, da zu anstrengend, aufregend, kompliziert, langweilig, teuer oder peinlich. Übrig bleibt dann zum Beispiel eine Besichtigung (technische Einrichtung oder Museum) oder eine nur leicht anstrengende sportliche Aktivität wie Bowling, Nordischmitskistöckenklapperndrumlaufen oder Curling. Richtig, Curling ist eine der Sportarten wo sie normalerweise den Fernsehsender wechseln oder einschlafen.

So begibt sich also die Firmenbelegschaft auf Freigang zur Curlingeinrichtung, die üblicherweise aus einer Halle mit Eisfläche besteht, wo sie die ersten vorsichtigen Schritte auf dünnem Eis unter der fachkundigen Anleitung einiger zumeist älterer, dem besagten Sporte kundiger Herren lernt, wie die Wintersportart betrieben werden soll. Es erschliesst sich dem aufmerksamen Teilnehmer dabei recht zügig, dass dies nicht zur reinen Freude der instruierenden Curler geschieht. Diese bezeichnen die Gäste nämlich hinter vorgehaltener Hand mit dem fast schon verächtlich eingesetzten Terminus Fremdcurler.

Das Ziel des Sportes an und für sich ist ja recht einfach zu verstehen, es sind schon eher all die zusätzlichen Details, an welchen sich besagte Fremdcurler schwer tun. Auf die Regeln soll hier nicht im Detail eingegangen werden, nur soviel sei für den Leser angemerkt: Es geht hier weder um Bodenpflege, obwohl Wischwerkzeug beteiligt ist, noch darum, den Gegner mit einem sauberen Stoss des fast zwanzig Kilogramm wiegenden Marmorblocks umzukegeln.

Für den unbedarften Erstfremdcurler ist es ürigens bitter Ernst, denn auch kleine Fehler bei der Ausübung des Sportes werden umgehend mit tadelnden Worten geahndet. In der Stimme des instruierenden Experten schwingt dann – vor allem bei wiederholten Fehlern – ein leichter bis deutlicher Vorwurf mit, im Sinne von “ihr jungen Leute habt doch keine Ahnung, im Krieg hatten wir so wenig, da mussten wir sogar das Wasser verdünnen, und ihr bekommt nicht einmal das hier richtig hin.” Ein besonders anschauliches Beispiel: Die Rutschbeläge an den Schuhen. Diese müssen für manche Tätigkeiten angezogen werden (wenn man mit dem Besen unterwegs ist), für andere müssen sie aber ausgezogen bleiben (wenn man an der Reihe ist, den Stein übers Eis gleiten zu lassen). Nichtbeachten dieser Vorgehensweise führt dann umgehend nicht nur zu einem kräftigen Abzug in der Stilnote wenn man aufs Eis niedergeht wie ein sterbender Schwan, sondern demonstriert dann auch recht überzeugend für alle umstehenden das Prinzip der Gesichtsbremse. Vorsicht ist auf dem Eis sowieso unabdingbar, man möchte doch verständlicherweise davon absehen, sich beim Sturz salopp ausgedrückt einen Buck in die Larve* zu machen.

All diese Dinge werden aber zu unwichtigen Oberflächlichkeiten, wenn es um das Eis geht. So wird vor dem betreten der makellosen Oberfläche die Eignung und Sauberkeit der Schuhe mit strengem Auge überwacht, wobei die Turnsecklivergesser unter den Teilnehmern gnadenlos zur Anprobe von Leihschuhen geschickt werden. Entsteht durch Fehlverhalten ein Kratzer auf dem Eis, so schwingt in der Stimme des Instruktors nicht mehr Tadel mit, sondern eine tiefe Traurigkeit, gerade so als wolle er den entstandenen Schaden mit bitterlich vergossener Tränenflüssigkeit ausbessern.

*Buck in der Larve: Umgangssprachlich für Delle im Kopf- oder Gesichtsbereich.

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